Chinesisch lernen: Kultur, Lektion 9

Der Dialog von Lektion 9 dreht sich um Daten, Reisepläne und den Rhythmus von Bai Xues Studium in Peking. Eine gute Gelegenheit zu sehen, wie der Kalender in China funktioniert, wie lange das Studium dauert und warum jeden Winter Hunderte Millionen Menschen gleichzeitig aufbrechen.


1. Der chinesische Kalender

China lebt im Alltag nach dem gregorianischen Kalender, dem sogenannten „Sonnenkalender“ (阳历 yánglì), also demselben wie bei uns. Er regelt Verwaltung, Schule und Arbeit.

Daneben gibt es aber einen zweiten, traditionellen Kalender, den sogenannten „Mondkalender“ (农历 nónglì, wörtlich „Bauernkalender“). In Wirklichkeit ist er lunisolar: Die Monate folgen dem Mond, jeder beginnt mit dem Neumond, und Schaltmonate sorgen dafür, dass er mit den Jahreszeiten im Einklang bleibt.

Dieser Kalender ist keineswegs ein Überbleibsel. Er bestimmt die großen Feste: das chinesische Neujahr (春节 Chūnjié), das Laternenfest (元宵节 Yuánxiāojié), das Mondfest, auch Mittherbstfest genannt (中秋节 Zhōngqiūjié). Viele Chinesen kennen auch ihr Geburtsdatum nach dem Mondkalender und feiern es zusätzlich zum anderen. Zwei Geburtstage im Jahr – keine schlechte Idee.


2. Die Dauer des Universitätsstudiums

Im Dialog sagt Bai Xue: 我在这儿读四年大学。 Wǒ zài zhèr dú sì nián dàxué. „Ich studiere hier vier Jahre an der Universität.“

Das chinesische Bachelorstudium (本科 běnkē) dauert nämlich vier Jahre, gegenüber drei Jahren (sechs Semestern) an den meisten deutschen und europäischen Universitäten. Das ist die reguläre Dauer des ersten Studienabschnitts.

Der Studienverlauf sieht so aus: vier Jahre Bachelor, danach gegebenenfalls zwei bis drei Jahre Master (硕士 shuòshì) und drei bis vier Jahre Promotion (博士 bóshì). Der Zugang zum Studium führt über den 高考 gāokǎo, die nationale Hochschulaufnahmeprüfung, die darüber entscheidet, an welcher Hochschule man aufgenommen wird. Wie wir in Lektion 8 gesehen haben, ist die Universität ein sozialer Marker ersten Ranges.


3. Der Rhythmus des Studienjahrs

Das Studienjahr beginnt im September und ist in zwei Semester gegliedert: von September bis Januar, dann von Februar oder März bis Juni oder Juli.

Es gibt zwei große Unterbrechungen: die Winterferien (寒假 hánjià), etwa einen Monat lang um Januar und Februar, und die Sommerferien (暑假 shǔjià), zwei Monate im Juli und August.


4. 春节 Chūnjié und die große Reisewelle

Das chinesische Neujahr, 春节 Chūnjié, „das Frühlingsfest“, ist mit Abstand das wichtigste Fest des Jahres. Sein Datum ändert sich jedes Jahr, weil es vom Mondkalender abhängt: Es fällt in die Zeit zwischen Ende Januar und Mitte Februar.

Für die Familien ist es die Zeit des Wiedersehens, des Festessens am Neujahrsvorabend (年夜饭 niányèfàn) und des gemeinsamen Übergangs ins neue Jahr. Das Gegenstück zu unserem Weihnachten – mit dem Unterschied, dass man um jeden Preis nach Hause fährt.

Daraus entsteht ein Phänomen, das nirgendwo seinesgleichen hat: der 春运 Chūnyùn, die „Frühlingsreisewelle“. Jedes Jahr sind Hunderte Millionen Menschen gleichzeitig von einem Ende des Landes zum anderen unterwegs. Züge, Flugzeuge, Fernbusse und Straßen sind mehrere Wochen lang überlastet.

Das Phänomen hängt mit der Wirtschaftsstruktur des Landes zusammen. Millionen Wanderarbeiter (农民工 nóngmíngōng) leben in den Küstenstädten, stammen aber aus ländlichen, manchmal sehr weit entfernten Provinzen. 春节 ist oft die einzige Zeit im Jahr, in der sie ihre Angehörigen wiedersehen, manchmal auch ihre Kinder.

Die Winterferien der Universitäten fallen in dieselbe Zeit. Auch die Studierenden fahren in dieser Zeit nach Hause. Wenn Sie nach China reisen, meiden Sie diese vierzig Tage.