Chinesisch lernen: Kultur, Lektion 4

Der Dialog von Lektion 4 bringt die Zahlen, das Alter und das Schulsystem ins Spiel. Drei Gelegenheiten zu sehen, wie man in China über das Alter spricht, wie die Schule funktioniert – und eine Besonderheit, die immer wieder überrascht: In China kann man ein Jahr älter sein als in Deutschland.


1. In China ist man bei der Geburt schon ein Jahr alt

Traditionell gibt es zwei Arten, das Alter zu zählen:

Konkret: Ein Baby, das am 20. Januar geboren wird, kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest, ist bei der Geburt ein Jahr alt, nach 虚岁 xūsuì gerechnet. Wenige Tage später, mit dem Neujahrsfest, ist es bereits zwei Jahre alt – dabei ist es gerade einmal eine Woche auf der Welt.

Heute ist in den Großstädten und überall, wo es um Behörden oder Medizin geht, das 周岁 zhōusuì maßgeblich. Im Alltagsgespräch, auf dem Land und bei älteren Menschen dagegen ist das 虚岁 xūsuì nach wie vor lebendig. Ein Chinese, der Ihnen sein Alter nennt, kann also nach westlicher Zählung ein oder zwei Jahre jünger sein. Fragen Sie im Zweifel: 是虚岁还是周岁? Shì xūsuì háishì zhōusuì? – „Ist das das traditionelle oder das tatsächliche Alter?“


2. Darf man in China nach dem Alter fragen?

In Deutschland gilt die Frage nach dem Alter schnell als indiskret. In China ist sie ganz selbstverständlich: Das Alter gehört zu den Informationen, die man beim ersten Kennenlernen austauscht, ebenso wie Name und Beruf. Es hilft, das Gegenüber einzuordnen und zu wissen, wie man mit ihm spricht.

Die Altershierarchie spielt in der chinesischen Kultur eine große Rolle. Sie bestimmt zum Teil, wie höflich man sich ausdrückt und welche Anreden man wählt. Wer weiß, wer der Ältere ist, weiß auch, welchen Ton er anschlagen muss.

Je nach dem vermuteten Alter des Gegenübers stellt man die Frage unterschiedlich:

Im Dialog stellt Yueyue ihrem Lehrer ohne Umschweife die Frage 你多大? – mit der Offenheit eines Kindes. Doch auch unter Erwachsenen ist die Frage in China völlig in Ordnung. (Deutsche finden das zunächst ziemlich direkt. Das legt sich schnell.)


3. Das Schulsystem in China

Im Dialog kommen drei Stufen des Bildungssystems vor: 小学 xiǎoxué (Grundschule), 中学 zhōngxué (Mittelschule) und 大学 dàxué (Universität). Die drei Wörter sind ganz logisch aufgebaut:

Der Bildungsweg gliedert sich so:

  • Grundschule (小学): 6 Jahre, etwa im Alter von 6 bis 12;
  • Unterstufe der Mittelschule (初中 chūzhōng, wörtlich „Anfang der Mitte“): 3 Jahre, im Alter von 12 bis 15;
  • Oberstufe der Mittelschule (高中 gāozhōng, wörtlich „Oberes der Mitte“): 3 Jahre, im Alter von 15 bis 18;
  • Universität (大学): in der Regel vier Jahre.

Die Schulpflicht dauert neun Jahre: sechs Jahre Grundschule und drei Jahre Unterstufe. Das Wort 中学 zhōngxué umfasst sowohl die Unter- als auch die Oberstufe. Deshalb sagt Lehrer Li im Dialog von sich, er sei zugleich 中学老师 zhōngxué lǎoshī und 大学老师 dàxué lǎoshī.

Bildung hat in der chinesischen Gesellschaft einen zentralen Stellenwert. Die Familien investieren erhebliche Summen in sie, und schulischer Erfolg gilt als Schlüssel zum sozialen Aufstieg. Die Hochschulaufnahmeprüfung 高考 gāokǎo ist der schwerste Moment im Leben eines jungen Chinesen. Die ganze Familie lebt im Rhythmus der zwei Prüfungstage, und die Städte sorgen rund um die Prüfungszentren für Ruhe.