Kultur 3
Chinesisch lernen: Kultur, Lektion 3
Im Dialog von Lektion 3 treten eine Schülerin, 月月 , und ein Lehrer, 李明 , auf. Er zeigt, wie man in China einen Lehrer anspricht, wie chinesische Namen aufgebaut sind und was ein Vorname über die Kultur verrät, die ihn gewählt hat.
1. Wie man in China seinen Lehrer anspricht
Im Dialog spricht 月月 ihr Gegenüber so an: 你是李明老师吗? – „Sind Sie Lehrer Li Ming?“
Einen chinesischen Lehrer spricht man nie nur mit seinem Vornamen an. Die übliche Formel lautet Familienname + 老师 . Li Ming wird also zu 李老师 , „Lehrer Li“.
Beispiele:
王老师 : Lehrer Wang
张老师 : Lehrer Zhang
Das Wort 老师 reicht weit über die Schule hinaus. Es ist ein Zeichen des Respekts gegenüber allen, die anerkanntes Können oder anerkannte Erfahrung mitbringen: einem Handwerker, einem Künstler, einem Vortragenden. Mich hat man schon bei meinen ersten Aufenthalten so genannt, und ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstand, dass es weniger um einen Beruf ging als um Höflichkeit.
In Lektion 2 haben wir die Anreden 先生 (Herr) und 女士 (Frau) kennengelernt, die förmlichen Situationen vorbehalten sind. 老师 folgt demselben Muster: erst der Familienname, dann der Titel. Niemals umgekehrt.
2. Wie chinesische Namen aufgebaut sind: Familienname und Vorname
Im Deutschen sagt man „Lukas Müller“, also erst den Vornamen, dann den Familiennamen. Das Chinesische macht es immer umgekehrt: Der Familienname (姓 ) steht vor dem Vornamen (名 ).
李明 ⟶ 李 ist der Familienname, 明 der Vorname.
Diese Reihenfolge sagt etwas aus: Das Kollektiv – die Familie, der Clan – kommt vor dem Einzelnen. Wer sich vorstellt, nennt zuerst seine Zugehörigkeit und dann sich selbst.
Chinesische Familiennamen bestehen fast immer aus einem einzigen Schriftzeichen. Die häufigsten sind 王 , 李 , 张 , 刘 und 陈 . Diese fünf Namen allein tragen mehrere hundert Millionen Menschen.
Vornamen dagegen haben ein oder zwei Schriftzeichen. Ein Vorname aus einem einzigen Schriftzeichen wie 明 ergibt einen vollständigen Namen aus zwei Silben (李明). Ein Vorname aus zwei Schriftzeichen wie 小明 ergibt drei (李小明).
3. Wie Chinesen Vornamen auswählen
In Deutschland wählt man einen Vornamen oft, weil er schön klingt, oder um jemanden zu ehren. In China ist die Wahl weit durchdachter, denn jedes Schriftzeichen trägt eine Bedeutung.
Der Vorname 明 zum Beispiel vereint 日 (die Sonne) und 月 (der Mond) ⟶ hell, leuchtend, klar. Wer sein Kind so nennt, wünscht ihm eine strahlende Zukunft und einen wachen Geist.
Der Vorname 月月 , den die Schülerin im Dialog trägt, wiederholt das Zeichen 月 (der Mond). Diese Wiederholung, die Namensverdopplung 叠名 , wirkt zärtlich und melodisch und ist bei weiblichen Vornamen und Kosenamen sehr häufig.
Einige wiederkehrende Themen:
- die Natur: 雪 (Schnee), 海 (Meer), 林 (Wald);
- die Tugenden: 德 (Tugend), 信 (Vertrauen), 义 (Gerechtigkeit);
- die Bestrebungen: 强 (stark), 志 (Ehrgeiz), 飞 (fliegen);
- die Schönheit: 美 (Schönheit), 丽 (Eleganz), 花 (Blume).
Manche Familien gehen so weit, einen Meister der 八字 , der „Acht Zeichen“ des chinesischen Horoskops, zu Rate zu ziehen: Die Schriftzeichen des Vornamens sollen je nach Datum und Stunde der Geburt die fünf Elemente (Wandlungsphasen, 五行 : Metall, Holz, Wasser, Feuer, Erde) ins Gleichgewicht bringen. Wie verbreitet diese Praxis heute ist, kann ich Ihnen nicht sagen: Auf dem Land scheint sie jedenfalls viel lebendiger zu sein als in Shanghai.
4. Darf man Chinesen mit dem Vornamen ansprechen?
Im Westen ist der Wechsel zum Vornamen meist unkompliziert – in Deutschland geht er oft mit dem Duzen einher. In China ist das heikler.
Unter engen Freunden oder in der Familie verwendet man den Vornamen, oft in einer liebevollen Form: mit verdoppelter Silbe (明明 ) oder mit der Vorsilbe 小 („klein“) vor dem Familien- oder Vornamen (小李 , 小明 ).
In einem förmlichen oder beruflichen Rahmen verwendet man den vollständigen Namen oder die Formel Familienname + Titel: 李老师 , 王先生 , 张女士 .
Bei älteren Menschen kann man die Vorsilbe 老 („alt“, im respektvollen Sinn) vor den Familiennamen setzen: 老李 , 老王 . Daran ist nichts Abwertendes: Dieses 老 drückt Wertschätzung und Vertrautheit aus.
5. Wie man seinen Vornamen ins Chinesische überträgt
Wer nach China kommt, wünscht sich bald einen chinesischen Vornamen. Dafür gibt es zwei Wege.
Die phonetische Transkription wählt Schriftzeichen, deren Aussprache dem ursprünglichen Vornamen nahekommt. Aus „Anna“ wird 安娜 , aus „Lukas“ wird 卢卡斯 . Der Vorname bleibt für das Ohr wiedererkennbar. Allerdings ergeben die gewählten Schriftzeichen nicht immer einen stimmigen Sinn, manchmal sogar gar keinen.
Der echte chinesische Vorname wählt die Schriftzeichen nach ihrer Bedeutung, genau wie chinesische Eltern es tun. Zusammen mit einem angenommenen chinesischen Familiennamen, der oft ähnlich klingt wie der eigene, ergibt er einen Namen, der Hand und Fuß hat. Diesen Weg schätzen Chinesen am meisten, weil er zeigt, dass man einen Schritt auf sie zugegangen ist. Mein eigener Name, 李天翔 , ist alles andere als phonetisch: Er wurde wegen seiner Bedeutung gewählt.
Welchen Weg Sie auch wählen, die Regel bleibt dieselbe: Im Chinesischen steht der Familienname an erster Stelle. Wenn Sie Müller heißen und Ihr chinesischer Vorname 明 ist, heißen Sie 穆明 – und nicht „Ming Mu“.